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Faszination Erlkönig: Die Geschichte der getarnten Autos

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Früher genau wie heute sorgen die mysteriösen Fahrzeuge mit Zebra-Muster auf Autobahnen oder Landstraßen gleichermaßen für erstaunte Blicke. Erlkönige heißen die Prototypen der Autohersteller hierzulande. Tausende dieser Testfahrzeuge sind auf deutschen Straßen jährlich unterwegs.

Schließlich kommen 2026 über 50 komplett neue Automodelle auf den Markt. Inklusive Facelifts und Modellvarianten sind es jährlich weit über 100 Neuheiten. Und diese müssen ausgiebig getestet werden, bevor sie tausendfach vom Band laufen. In diesem Beitrag schauen wir uns die Geschichte der Erlkönige an und haben für Sie einige spannende und kuriose Fakten zum Thema Erlkönig zusammengetragen. Viel Spaß beim Lesen!

Der Mann hinter dem Begriff: Goethes „Erlkönig“ gab den geheimen Testfahrzeugen ihren bis heute gebräuchlichen Spitznamen. KI-generiertes Bild, erstellt mit ChatGPT/DALL-E.
Der Mann hinter dem Begriff: Goethes „Erlkönig“ gab den geheimen Testfahrzeugen ihren bis heute gebräuchlichen Spitznamen.
KI-generiertes Bild, erstellt mit ChatGPT/DALL-E.

1. Was Goethe mit dem Namen zu tun hat

  • Der Chefredakteur von „auto motor und sport“ Heinz-Ulrich Wieselmann hatte 1952 die Idee, heikle Prototypenfotos mit humorvollen Versen zu „entschärfen“, um die Verärgerung der Automobilhersteller abzumildern.
  • Aus Goethes: „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?“ wurde sinngemäß die automobile Variante: „Wer fährt da so rasch durch Nacht und Wind?“
  • Abgelichtet wurde ein Mercedes-Benz 180 der Baureihe W 120, der sogenannte Ponton-Mercedes. Das Auto kam erst 1953 auf den Markt.
  • Die Autojournalisten verwendeten den Begriff daraufhin immer wieder, bis er sich fest in der Automobilbranche etablierte. Und das bis zum heutigen Tag.
Auto Erlkönig (1)
Ein Mercedes-Benz 220S W 180 “Ponton”. Bildquelle: ginettigino – stock.adobe.com

2. Mercedes 180: der erste Erlkönig der Geschichte

  • Wie bereits erwähnt, wurde für den Prototyp des Mercedes 180 der Begriff Erlkönig erfunden.
  • Die Ponton-Vierzylinder W 120 und W 121 wurden von 1953 bis 1962 gebaut. Insgesamt entschieden sich laut Mercedes rund 443.000 Käufer weltweit für diese Modelle.
  • Der fotografierte Prototyp sah noch deutlich anders aus als das spätere Serienauto. Er erinnerte stärker an den großen Mercedes 300 „Adenauer“. Die endgültige moderne Pontonform wurde erst später im Entwicklungsprozess festgelegt.
  • Dabei gibt es Testfahrzeuge und Prototypen auf deutschen Straßen schon viel länger.
  • Bereits 1936 wurden die frühen VW-Versuchswagen der V3-Serie intensiv im Straßenverkehr erprobt. Drei Fahrzeuge mussten jeweils rund 50.000 Kilometer absolvieren. Etwa die Hälfte davon wurde auf Autobahnen gefahren, die andere Hälfte unter anderem auf bergigen Straßen im Schwarzwald.

3. Wie beim Kriegsschiff: Dazzle-Tarnung

  • Die Hersteller nutzen Folien, Schaumstoffe oder Klebebänder mit Spiralen, Kreise, Zacken, Rechtecke und starke Schwarz-Weiß-Kontraste, um das Aussehen der neuen Autos zu verschleiern.
  • Diese sogenannte „Dazzle-Technik“ (deutsch: Tarnmuster, Verwirrmuster, Anm. d. Red.) wurde bereits bei Kriegsschiffen eingesetzt.
  • Das Ziel: Proportionen, Sicken, Lichtkanten, Leuchten, Kühlergrill, Fensterlinien und Details der Karosserie sollen schwerer zu erkennen und zu fotografieren sein.
  • Die Hersteller tarnen Design und Technik der Fahrzeuge aus verschiedenen Gründen.
  • Potenzielle Käufer sollen nicht zu „heiß“ gemacht werden, damit die Fahrzeuge der aktuellen Serie nicht in den Autohäusern versauern, außerdem soll die Konkurrenz daran gehindert werden, Entwicklungsfortschritte „abzugucken“.
  • Die Tarnung verschlingt dabei viele Arbeitsstunden: Für die Tarnung eines Škoda Enyaq iV wurden nach Angaben des Herstellers rund 120 Arbeitsstunden benötigt.

4. Knarzen und Kameras: Was wird alles getestet?

  • Moderne Erlkönige sind fahrende Versuchslabore. Die zuständigen Entwicklungsingenieure prüfen sämtliche Fahrzeugsysteme auf Herz und Nieren.
  • Neben dem Antrieb, dem Batterie– und Ladesystem (bei Elektroautos), dem Fahrwerk, den Bremsen und dem Innenraum stehen heutzutage Fahrerassistenzsysteme und Software-Komponenten zunehmend im Fokus.
  • Mercedes nennt beispielsweise Fahrverhalten und NVH – Noise, Vibration, Harshness (Geräusche, Vibrationen und die wahrgenommene Härte eines Fahrzeugs, Anm. d. Red.) als zentrale Bereiche der Prototypenentwicklung.
  • Bei Porsche erfassen Datenlogger unter anderem Kamerabilder, Temperaturen, Drücke und die Kommunikation der Steuergeräte. Ergebnisse können teilweise schon während oder unmittelbar nach einer Fahrt an die zuständigen Entwickler übertragen werden.
  • Dabei werden auch scheinbar banale Dinge genau unter die Lupe genommen, weil diese im Alltag später eine wichtige Rolle spielen, z.B. Wind- und Klappergeräusche, Sitzkomfort, Türdichtungen und die Bedienbarkeit des gesamten Fahrzeugs.
Auto Erlkönig (4)
Ein Erlkönig, der das Death Valley überlebt, kann auch auf deutschen Straßen bestehen. Bildquelle: Patrizia – stock.adobe.com

5. Legendäre Erlkönig-Reviere

  • Autohersteller schicken ihre Erlkönige an alle Ecken des Planeten, um die Technik unter absoluten Extrembedingungen zu testen. Hier sind ein paar Beispiele traditioneller Erlkönig-Reviere:
  • Arjeplog, Nordschweden: Bei eisigen Temperaturen von bis zu – 50 Grad Celsisus werden ABS, ESP, Allrad, Winterreifen, Kaltstart, Heizung, Batterie und E-Auto-Reichweite getestet.
  • Death Valley, USA: Brennende Hitze, Staub und intensive Sonne. Im Tal des Todes kommen Klimaanlage, Elektronik, Displays, Kameras, Sensoren und Dichtungen auf den Prüfstand.
  • Nürburgring-Nordschleife (Eifel): Die Rennstrecke bietet ideale Bedingungen für ausgiebige Tests von Fahrwerk, Bremsen, Antrieb und Aerodynamik. Bodenwellen, Kuppen und schnelle Kurven erzeugen auf kurzer Strecke hohe Belastungen.
  • Nardò, Italien: Der 12,6 Kilometer lange Hochgeschwindigkeitsring eignet sich für Dauer- und Hochgeschwindigkeitstests. Ein Porsche Taycan schaffte dort 2019 in 24 Stunden 3.425 Kilometer. Das VW W12 Coupé Nardò verdankt der Teststrecke seinen Namen.
  • Hoover Dam (Nevada, Arizona, USA): BMW nutzte die Umgebung des Staudamms für Tests unter starken elektromagnetischen Einflüssen, um die Störfestigkeit der Elektronik zu prüfen.

6. Erlkönig-Jäger und Erlkönig-Hype

  • Rund um Erlkönige entstand mit der Spy Photography ein eigener Bereich der Autofotografie. Fotografen warteten gezielt an Orten wie dem Nürburgring, Arjeplog, Alpenrouten oder vor Entwicklungszentren, um die Prototypen abzupassen.
  • Früher konnten erste Fotos eines neuen Modells für Autozeitschriften sehr wertvoll sein – und wurden dementsprechend gut bezahlt. Oft bedeutete das: stundenlang warten für wenige Sekunden Sichtkontakt.
  • Die Tarnung selbst macht die Autos besonders spannend – je geheimer ein Modell wirkt, desto größer die Aufmerksamkeit. Heute nutzen Hersteller diesen Effekt teilweise bewusst fürs Marketing.
  • Getarnte Fahrzeuge werden mitunter absichtlich öffentlich gezeigt, ohne schon alle Details zu verraten. Škoda fuhr beispielsweise 2016 mit einem noch getarnten Kodiaq als Führungsfahrzeug bei der Tour de France über die Champs-Élysées.
Hinter Stoffbahnen und Abdeckungen verbirgt sich die Technik von morgen: Ein Blick ins Cockpit eines getarnten Prototyps. KI-generiertes Bild, erstellt mit ChatGPT/DALL-E.
Hinter Stoffbahnen und Abdeckungen verbirgt sich die Technik von morgen: Ein Blick ins Cockpit eines getarnten Prototyps.
KI-generiertes Bild, erstellt mit ChatGPT/DALL-E.

7. Die Zukunft: Bye-Bye Erlkönig?

  • Durch die zunehmende Digitalisierung (auch bei der Fahrzeugentwicklung) werden Erlkönige zukünftige seltener werden, aber wohl niemals ganz verschwinden.
  • BMW kann bestimmte reale Crash-Versuche inzwischen durch anerkannte Simulationen ersetzen.
  • Porsche sparte beim Cayenne Electric nach eigenen Angaben rund 120 frühe Versuchsfahrzeuge durch digitale Entwicklung ein.
  • Ganz ohne echte Prototypen geht es trotzdem nicht, denn Kälte, Hitze, schlechte Straßen und reale Fahrbelastungen müssen weiterhin in der Praxis getestet werden.
Tarnung bis ins Detail: Die Nahaufnahme der Front zeigt, wie konsequent Hersteller neue Modelle vor neugierigen Blicken schützen. KI-generiertes Bild, erstellt mit ChatGPT/DALL-E.
Tarnung bis ins Detail: Die Nahaufnahme der Front zeigt, wie konsequent Hersteller neue Modelle vor neugierigen Blicken schützen.
KI-generiertes Bild, erstellt mit ChatGPT/DALL-E.

Wir lieben neue (und alte) Autos: KFZBleche24.de

Was heute noch als getarnter Erlkönig unterwegs ist, steht morgen vielleicht schon ganz regulär auf der Straße. Und dann finden Sie bei uns die passenden Karosserie- und Reparaturbleche, Kotflügel, Spiegel & Leuchten sowie Autopflegeprodukte.  Noch mehr rund ums Auto gibt es hier auf Benzingeflüster. Kennen Sie schon diese Beiträge?


Bildquelle Titelbild: KI-generiertes Bild, erstellt mit ChatGPT/DALL-E.

Fabian ist verantwortlicher Redakteur bei den Mobilitätsblogs von SJS Carstyling und steht seit seiner Kindheit auf alles, was vier Räder hat. Sein Herz gehört den Marken Volkswagen und BMW. Privat fährt er einen VW Polo 6R und einen Ford Transit-Camper. Fabian ist Globetrotter und schreibt gerne über aktuelle und saisonale Autothemen.

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